Nelson Piquets Motoreningenieur blickt zurück auf den zweiten Platz seines Schützlings in Hockenheim.
Ricardo, wie haben Sie den Großen Preis von Deutschland erlebt?
Ricardo Penteado: " Kurz vor dem Rennen haben wir im Team noch die möglichen Strategien diskutiert. Dabei fragte ich, warum wir von den üblichen aggressiven Strategien mit einem kurzen ersten Stint abweichen sollten. Pat Symonds erklärte, diesmal auf eine andere Karte setzen zu wollen: eine Einstopp-Strategie, die ab einem bestimmten Punkt im Rennen auf eine Zweistopp-Lösung umgestellt werden könnte.
Es blieb dann aber bei einem geplanten Tankstopp für Nelson. Wir holten ihn genau in dem Moment rein, als Timo Glock seinen Unfall hatte – aber noch bevor das Safety Car ausrückte und die Boxengasse geschlossen wurde. Die Gelegenheit bot sich zum idealen Moment und wir haben das Rennen zu unserem Vorteil gedreht."
Und Nelson hat dem riesigen Druck an der Spitze eines Grand Prix standgehalten …
Ricardo Penteado: "Genau. Das kann man gar nicht oft genug betonen. Ja, wir hatten Glück – aber wir hatten uns auch mit viel Cleverness eine Position erarbeitet, um derartige Situationen auszunutzen. Als er vorn lag, ist Nelson ein sehr abgeklärtes Rennen gefahren.
So entschied er zum Beispiel, dass es aussichtslos wäre, gegen Lewis Hamilton zu kämpfen. Er sicherte lieber den zweiten Platz, und das war genau die richtige Entscheidung."
Hat euch diese Reife überrascht?
Ricardo Penteado: "Nein, gar nicht. Nelson besitzt viel Rennerfahrung aus anderen Klassen, die er in Hockenheim optimal umsetzte. Er geriet nicht in Panik, sondern wusste exakt, was er zu tun hat."
War es nicht ein großes Risiko, ihn mehr als 30 Runden auf den weichen Reifen fahren zu lassen?
Ricardo Penteado: " Nein. Wir wussten, dass sie diese Distanz aushalten könnten. Natürlich mussten wir sie im Auge behalten und Nelson daran erinnern, die Reifen gerade am Beginn seines Stints nicht zu überfordern.
Seine besonnene Fahrweise zahlte sich aus: Am Rennende konnte er dieselben Rundenzeiten fahren wie Felipe Massa, der auf den eigentlich haltbareren Prime-Reifen unterwegs war."
Sie sind Brasilianer wie Nelson. Hat Sie der Anblick des Siegerpodests mit zwei Landsleuten gefreut?
Ricardo Penteado: "Natürlich. Besonders stolz war ich auf Nelson!"
Was bedeutet dieser Podestplatz für das Team?
Ricardo Penteado: " Zunächst mal finde ich, dass damit die harte Arbeit all unserer Mitarbeiter belohnt wurde. Für Nelson ist dieses Resultat wichtig, weil es sein Selbstvertrauen steigern wird – und das Ergebnis von Hockenheim nimmt etwas Druck von seinen Schultern.
Der bloße Glaube an dich selbst kann im Qualifying schon den Unterschied machen, und da hatte Nelson bisher die größten Schwierigkeiten."
In welchen Punkten hat sich Nelson fahrerisch und in seiner Zusammenarbeit mit dem Team verbessert?
Ricardo Penteado: " Ich glaube, als er in der Formel 1 ankam, verließ er sich sehr stark auf sein natürliches Talent und seine angeborenen Fähigkeiten. Dann hat er verstanden, dass das nicht reicht und sich intensiv in die Arbeit gestürzt.
Heute verbringt er den gesamten Grand Prix-Freitag mit der Analyse der Telemetriedaten, der Trainingsvideos, den GPS-Positionen der Autos usw. Er bringt sich sehr stark ein."
Mit welcher Einstellung fährt Nelson jetzt nach Budapest?
Ricardo Penteado: " Auf dem Hungaroring hat Nelson in der GP2 eines seiner besten Rennen gezeigt. Er ist nach seinem Erfolgserlebnis in Deutschland mental sehr stark und kann den Ungarn-Grand Prix ganz ruhig angehen."
- Mischa Hammann -